Von Bernhard Straile
„Sag mal, hättest Du nicht Lust, beim Auftritt der Zeidner Blaskapelle im Rahmen des Tuttlinger Stadtfestes mitzuspielen? Wir üben am Freitagabend und am Samstagmorgen – und am Nachmittag ist unser Auftritt!“ Das fragte mich Peter Roth, mein rechts neben mir sitzender Tenorhornkollege im Städtischen Blasorchester Tuttlingen, wo ich seit Januar dieses Jahres mitspiele. Links von mir spielt Willi, Wilhelm Abraham, und noch ein bisschen weiter links spielt Heiner Aescht. Wir sind alle in derselben Altersgruppe. Schon nach kurzer Zeit hatte ich erfahren, dass die drei aus Zeiden in Rumänien stammen und viel erlebt haben, für das ich mich sehr interessiere. Ohne lang nachzudenken, sagte ich sofort zu.
Freitagabend (18. September), ich packe mein Instrument aus dem Auto und da höre ich SIE schon, die Zeidner Blaskapelle. Sie spielen eine schöne bekannte Polka und ich denke: Bin ich zu spät? Eigentlich bin ich eher zu früh da. Naja, ich gehe in den Gemeinderaum hinein und packe mein Instrument aus, warte, bis die Polka fertiggespielt ist, werde herzlich begrüßt und Peter zeigt mir meinen Platz. Sofort kann ich mitspielen, weil Reinhard Göbbel, unser Dirigent, alles hervorragend vorbereitet hat. Ich bekomme meine sortierte Mappe und wir spielen zunächst auch mir bekannte Musikstücke, Polkas und Walzer. Es ist sofort spürbar für mich: Hier haben alle Lust an der gemeinsamen Musik und geben ihr Bestes.
Wir machen eine kleine Pause und sofort komme ich ins Gespräch mit meinen „neuen“ Kollegen und einer Kollegin, auf die ich später eingehe. Es gibt so viele Anknüpfungspunkte. Zum einen haben mir Peter und Willi sehr viel über Zeiden und das Burzenland erzählt, zum anderen war ich mit meiner Frau zufällig vor kurzem in Nürnberg und Fürth, wo einige Zeidner Musikanten wohnen.
Nach der Pause wird es richtig spannend für mich, als wir die ersten Siebenbürger Stücke spielen. Obwohl „Siebenbürger“ eigentlich zu weit gefasst ist. Eigentlich sind das Burzenländer Musikstücke von Komponisten, die die Zeidner Blaskapelle früher geleitet haben: Martin Thies, Gerry Schunn, Günther Schromm, Ernst Fleps. Und dabei sind auch Kompositionen von Reinhard Göbbel. Letzterer sagt zu jedem Stück etwas, wenn er denkt, dass es hilfreich und wichtig ist: entweder über den inhaltlichen Hintergrund oder über den Komponisten und dessen weitere Werke. Das hilft beim Spielen der Stücke sehr.
Nachdem wir Schluss gemacht haben, erzählt Monika, Willis Frau, wie schön zwei andere Frauen im Trio des „Burzenländer Marsches“ mitgesungen haben, in dem das Burzenland-Lied eingebaut ist. Denn, das habe ich ganz vergessen: Die Ehefrauen meiner Kollegen waren alle in einem Nebenzimmer und haben sich ausgetauscht. Über was, haben sie mir aber nicht verraten.
Als ich am späten Abend zu Hause bin, kann ich lange nicht schlafen. So vieles geht mir im Kopf herum und erinnert mich an meine Kindheit und Jugend in Althengstett, damals ein Dorf im „Schlehen- und Heckengäu“. Wisst ihr, wo das ist? Seht ihr, so ging es mir mit dem „Burzenland“.
Es gibt so viele Ähnlichkeiten mit meinen Erlebnissen im damaligen Althengstett: alte Frauen in grau-schwarzen Röcken – nicht nur einen, sondern mehrere übereinander, dazu immer dunkles Kopftuch; Hochzeitszüge vom Haus der Braut zur Kirche, Gang zur Beerdigung im Trauerzug bis zum Friedhof. Dazu eine enge Kameradschaft und Freundschaft „bei der Musik“, also im Musikverein. Wie oft haben wir damals nach einer Probe oder einem Auftritt bei einem Fest ohne Hintergrundmusik oder elektronische Begleitung miteinander gesungen!
Am Samstagmorgen (19. September) kommen weitere Mitspieler an, zwei Zeidner, Peters Tochter und noch drei Musikerkollegen aus Tuttlingen. Die Begrüßung der Zeidner Musiker und Musikerinnen ist sehr freudig und warmherzig – wir kommen uns vor, als ob wir Teil einer großen Familie wären.
Nun also intensiv an die Burzenländer Musikstücke. Reinhard weist uns darauf hin, dass in vielen Stücken keine Vorgaben über die Lautstärke stehen. Wenn wir uns in die Melodie hineinversetzen und uns auf unsere Mitspieler konzentrieren, merken wir in der Regel selbst, wie wir spielen müssen, damit wirklich MUSIK entsteht. Reinhard unterstützt uns durch klare Hinweise, was er von uns will. Das hilft sehr beim Musizieren.
Der „Siebenbürger-Marsch“ arbeitet auf das Trio hin, wo die schöne Melodie zum Text der Siebenbürgen-Hymne erklingt: „Siebenbürgen, Land des Segens, Land der Fülle und der Kraft… Sei gegrüßt in deiner Schöne und um alle deine Söhne schlinge sich der Eintracht Band!“ Es klingt, als ob die Zeidner Musikanten mit ihren Familien den Segen und die Kraft nach 1989 mit in die Bundesrepublik Deutschland gebracht haben, wo sie sich einen Platz in unserer Gesellschaft erarbeitet haben – erarbeitet im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Stöhnen, kein Jammern, kein Aufbegehren. Sie kamen alle, als hier in der Bundesrepublik die Wiedervereinigung mit der ehemaligen DDR im Vordergrund stand. Selbstkritisch stelle ich fest, dass ich eigentlich keine Ahnung davon hatte, was die Zeidner und die anderen Siebenbürgerinnen und Siebenbürger geleistet haben. Vielleicht, weil Peter, Willi und Heiner die ersten Siebenbürger sind, die ich mit über 60 Jahren kennenlernte? Das lässt sich nicht mehr ändern, aber ich ziehe meinen Hut vor allen deutschstämmigen Familien aus Rumänien, die diesen Schritt gewagt haben.
Nun kommt der „Lenzblüten-Walzer“ aus dem Siebenbürgisch-Deutschen Tanzalbum. Was ist das denn? Reinhard erläutert, wie die Notensituation „damals“ war: handgeschriebene Noten, meist von den Dirigenten komponiert oder arrangiert. Kein Vergleich mit heute, wo man online Noten bei Musikverlagen bestellt, die morgen geliefert werden. Und wieder fällt mir die Vergangenheit in Althengstett ein: Ich habe ein handgeschriebenes Notenbüchlein mit Märschen, Unterhaltungsmusik, Polkas, Walzern, aus dem der Musikverein Althengstett vor und nach dem Zweiten Weltkrieg gespielt hat. Der Lenzblüten-Walzer beschreibt die Annäherung eines jungen Mannes an eine schöne junge Zeidnerin. „Stellt Euch das Werben des jungen Mannes vor, spielt diese gebundenen Viertel hin zu ihr, werbt um sie“ sagt uns Reinhard. Und wir setzen es um und schon wird dieses Werben spürbar.
Gerry Schunn hat mit „Es ist nie zu spät“ einen sehr eingängigen Walzer komponiert, der von den Wechseln zwischen Flügelhörnern und Tenorhörnern lebt. Leider konnte er die Uraufführung nicht mehr erleben. Ich denke: „Ja, es ist nie zu spät! – Was für ein Glück, dass ich mit 66 Jahren bei der Zeidner Blaskapelle mitspielen kann. „Aber was sind schon 66 Jahre“, höre ich in Gedanken Pitz an der Klarinette sagen. Er ist schon über 80 Jahre alt, spielt so gut seine Klarinette und ist geistig ungeheuer rege: Es ist nie zu spät.
Vom selben Komponisten stammt die Polka „Himmelblaue Augen“ –. Reinhard muss nichts erläutern – um was es hier geht, liegt auf der Hand bzw. in unseren Herzen. Und genauso spielen wir diese Polka.
Dass Zeiden weitbekannt für seine Nelken war, erfahre ich beim Marsch „Schöne Blumenstadt“ von Günther Schromm. Und dass Nelken für den Erhalt eines Arzttermins eine Art freundlicher Impuls an die terminvergebende Arzthelferin war, ist genauso interessant, wie die damalige Notwendigkeit, eine Packung KENT-Zigaretten für den behandelten Arzt dabei zu haben.
Es ist Zeit für eine Pause und da gibt es neben Kaffee auch „Bomstrazl“. Willi zeigt mir, wie man den Bomstrazl richtig isst: umgekehrt zusammenklappen. Wer hat diesen Baumstriezel gemacht? Das Küster-Ehepaar, auch Siebenbürger Sachsen, der Versöhnungs-Kirchengemeinde, unserem Probenlokal an diesem Wochenende. Und die verstehen etwas von dieser Backkunst! Herrlich, einmalig – mmhm. Da möchte man gleich noch mehr. Doch nein, jetzt setzen wir uns erst einmal „Unter die Linde“ und spielen die gleichnamige Polka von Ernst Fleps, die Reinhard passend arrangiert hat.
Und dann kommt mein persönliches Highlight: „Valet“. Reinhard hat diesen Walzer komponiert und in ihm viele persönlichen Erlebnisse verarbeitet, schöne, fröhliche, aber auch traurige. Nachdem er uns mehr davon erzählt hat, spielen wir seinen Walzer und – das schreibe ich für alle, die noch nie in einem Blasorchester gespielt haben – das ist ein anderes Spielen als das Spielen einer Abfolge von Noten. Wir Musiker gehen innerlich mit dem mit, was Reinhard erlebt hat, zum Ausdruck bringen will und dirigiert. Genau so spielen wir diesen Walzer – traumhaft schön!
Wir Musiker? Nein, da sind heute auch zwei Musikerinnen dabei. Eine ist Peters Tochter Doris, die hervorragend Klarinette spielt, und heute als Gast mitspielt. Die andere ist Mirjam Zell, die mit mir Tenorhorn spielt. Mirjam könnte vom Alter her meine Tochter sein und ist die Jüngste in der Zeidner Blaskapelle. Ihr Vater trägt Verantwortung in der Zeidner Nachbarschaft. Ihr Großvater war Lehrer an der Zeidner Grundschule und Reinhard war einer seiner Schüler. Er erzählt uns einiges darüber, wie es in seiner Schulzeit in Zeiden war und wie Mirijams Großvater unterrichtet hatte. Aber weshalb spielt Mirjam mit älteren Herren in der Zeidner Blaskapelle? Weil sie gerne und sehr gut Tenorhorn spielt, weiß, dass ihre Vorfahren Zeidner waren, sich in der Siebenbürger Jugend engagiert und weiß, was für ein Schatz die Zeidner Noten sind.
Es wird Zeit fürs Mittagessen. Peter hatte ein „Süppchen“ angekündigt und was dann aufgetischt wird, das sind drei große Suppentöpfe. Diese sowie alle anderen Leckereien und die vielfältigen „Hintergrundarbeiten“ sind auf großartige Weise von den Tuttlinger „Zeidenern“, Agathe und Peter, Monika und Willi sowie Beate, bereitgestellt und erledigt worden. Herzlichen Dank dafür!
So gestärkt können wir uns umziehen. Ob wir, die sechs Musiker aus Tuttlingen, denn das siebenbürgische Trachtenhemd auch anziehen wollen? Was für eine Frage – klar. Wir spielen mit, wir sind gemeinsam die Zeidner Blaskapelle also ziehen wir auch alle die Tracht an.
Nach einer kleinen Pause geht es auf den Tuttlinger Marktplatz, wo wir ein 90-minütiges Konzert spielen werden. Und es wird genau so, wie ich es mir dachte: WIR spielen MUSIK, WIR leben die Musik, UNSERE MUSIK kommt rüber. Der Marktplatz ist voll, zwei Paare tanzen, viele klatschen oder schunkeln im Rhythmus mit und beim Burzenländer Marsch singen einige im Trio mit – Menschen, die in Zeiden oder Umgebung geboren wurden. Was für ein berührender Moment.
Abends sitzen wir nach dem Abendessen mit unseren Partnerinnen und Partnern noch gemütlich beisammen und tauschen uns aus. Die „richtigen“ Zeidner wechseln dabei schlagartig vom Hochdeutschen in den Zeidner Dialekt. Um ihn zu verstehen, muss man schon sehr genau zuhören, dann ahnt man in etwa, um was es geht oder gehen könnte. Und wieder erkenne ich eine Ähnlichkeit: Während „I als jong no schwäbisch gschwätz han“ (Während ich, als ich jung war, noch schwäbisch gesprochen habe), können meine Töchter Schwäbisch zwar verstehen – aber sprechen können sie den Dialekt nicht mehr.
Der Abschied von meinen Zeidner Blaskapellen-Kolleginnen und -Kollegen fällt mir nicht leicht. Die Zeidner haben es mir sehr leicht gemacht, ein Zeidner zu sein.