Hintergründe und Informationen zur Entstehung und Absicht der Musik – CD HEIMATKLÄNGE ZUM HEIMGANG
mit Möglichkeit zum anhören und herunterladen der Aufnahmen am Ende der Seite.
Liebe Hörerinnen und Hörer,
bei dieser Tonaufnahme der Zeidner Blaskapelle ist die Erinnerung das durchgehende Motiv. Darum, bevor Sie die nächsten Seiten lesen, empfehle ich Ihnen: hören Sie zuerst die ganze Schallplatte ohne Unterbrechung an. Die 50 Minuten werden Ihnen kurz vorkommen und zugleich eine lange Geschichte in Erinnerung rufen – Ihre Geschichte. Lassen Sie Musik und Worte ohne vorherige Erklärung wirken. Erst so wird Ihre eigene Erinnerung wach. Das ist die Absicht der Zeidner Blaskapelle, wenn sie diese Heimatklänge anstimmt.
Was Sie dann hier lesen können, sind meine Erklärungen und Gedanken, die kurzfristig auf Anregung und Wunsch Einiger in diesem Informationsblatt festgehalten werden. So bleibt auch dokumentiert, was wir uns dabei gedacht haben. Sicher, es ist nicht alles schriftlich festzuhalten, was in den Köpfen und Herzen der Mitwirkenden und Mitdenkenden an vielen Tagen und in manchen Nächten vorgegangen ist. Aber dem einen oder der anderen ist es für die eigene Erinnerung hilfreich, wenn Verstand und Herz mitklingen können.
Hören Sie zu, stimmen Sie mit ein, lassen Sie Töne und Gedanken in Ihnen an- und nachklingen. Ich wünsche Ihnen damit wohltuende Augenblicke.
Die Grundidee dieser Produktion habe ich auf der Innenseite des CD-Titelblattes zusammengefasst. Alles ist in ungefähr zwei Jahren nach und nach gewachsen.
DIE IDEE, TRAUERMUSIK AUFZUNEHMEN
Ich habe sie zuerst bei Peter und Effi Kaufmes gehört. Zum einen hat diese Musik in Zeiden auch zum Repertoire und ihr Einsatz zum Dienst der Zeidner Blaskapelle gehört und zum anderen kann sie beim Trauerfall in der eigenen Familie ein Stück Heimat inmitten der Anonymität der deutschen Bestattungskultur bieten. Diese Auf-nahme ist also eine Ergänzung dazu, was von der Zeidner Blaskapelle auf ihrer ersten CD zu hören ist und sie ist eine Erinnerung im umfassenden Sinn, nämlich an die gespielte Trauermusik, an die Beerdigungen auf dem Zeidner Friedhof, an die Geschichte mit und von Menschen, an den Trost des christlichen Glaubens.
DIE TECHNISCHE UMSETZUNG
Am 14. und 15. Oktober 2000 ist die Musik, am 3. und 4. März 2001 sind die Texte aufgenommen worden, beides im Gemeindesaal der katholischen Kirchengemeinde in Wurmlingen bei Tuttlingen. Peter Roth, Heiner Aescht und „unsere Tuttlingerinnen“ haben das alles organisiert. Reinhard Martini hat das Notenmaterial vorbereitet. Brunolf Kauffmann und Werner Schullerus haben den Takt vorgegeben. Ich habe die Worte gesprochen. Das Schönste aber: mit relativ einfacher Ausstattung, doch umso größerem Sachverstand hat Stefan Matt (Tuttlingen) einen hochwertigen Klang auf diese Scheibe gebrannt.
DIE ENTSCHEIDUNG ÜBER STRUKTUR UND AUFBAU DER CD
„Was machen wir jetzt mit der Musik?“ Ich habe Vorschläge eingebracht. Mein Mitwirken bei der Zeidner Blaskapelle damals und heute, meine damals unreflektierten Beobachtungen und Erlebnisse als kindlicher und jugendlicher Musikant bei Beerdingungen in Zeiden und die jetzige Berufserfahrung als Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern bilden die Grundlage dieses Konzeptes.
DER AUFBAU FOLGT DER BEERDIGUNGSFEIER IN ZEIDEN
Äußerlich bin ich dabei ganz auf meine Erinnerung und Beobachtungen als außenstehender Musikant angewiesen. Ich habe in Siebenbürgen als Pfarrer keine Bestattung gestaltet. Innerlich und inhaltlich kann ich auf theologische und psychologische Kenntnisse zurückgreifen.
Es beginnt mit dem (1) „Glockenläuten“ – original Zeidner Klang. Dort läutet zuerst die „Zweier“, die „Mittagsglocke“, 10 Minuten lang, danach noch einmal 5 Minuten alle Glocken. Während dieser 15 Minuten sind die Musikanten zum Friedhof gekommen. Besonders ein Bild habe ich vor Augen: Stadtpfarrer Hermann Thalmann ist immer in vollem Ornat vom Pfarrhaus bis zum Friedhof gegangen. Damals habe ich dem keine Bedeutung beigemessen. Aus heutiger Sicht bewerte ich dieses Auftreten als ein Bekenntnis und ein politisches Zeichen in kommunistischer Zeit, dem Anerkennung und Ehre gebührt. Deshalb ist für mich dieses Glockenläuten neben dem Ruf zum Abschied und Gebet auch eine dankbare Erinnerung an Töne und Zeichen gegen Unterdrückung und für die Freiheit der Kirche.
(2) „Meine Lebenszeit verstreicht“. Nach dem Glockenläuten ist nach meiner Erinnerung bei jeder Bestattungsfeier dieser Choral angestimmt worden.
Dann höre ich die (3) „Lesung aus dem Brief des Apostel Paulus an die Römer“, Kapitel 14. Damit ist das biblische Votum und Motto der Trauerfeier angesagt.
Es folgt mit den beiden Märschen musikalisch die Ansage des Zweckes dieser Feier. Bei Bestattungsgottesdiensten sage ich dann: „Wir sind hier zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von N.N. und uns seiner und unserer gemeinsamen Zeit zu erinnern“. Ausgewählt habe ich diese beiden Märsche aus folgendem Grund: Beim ersten sagt es der Titel „Zur Erinnerung“. Zudem wurde dieser Marsch immer auch am Heldengedenktag (4) „Zur Erinnerung der Toten in der Ferne“ (d.h. auf den Kriegsfeldern und in den Deportationslagern des 20. Jahrhunderts) gespielt. Diese Gedanken sind im (5) „Erinnern“ konzentriert. Beim zweiten Marsch, dem (6) „Trauermarsch Nr. 7 von J. Novy“, ist ein Wechsel in den Melodie- und Harmoniefolgen vorhanden, in denen die Anfangsstimmung einer Trauerfeier für mich nachspürbar wird: ein Wechselbad der Gefühle zwischen bewusst machenden, traurigen, aufrüttelnden Passagen und erzählenden, beruhigenden und schönen Melodieführungen, die zur Ruhe bringen wollen.
Der (7) „Psalm 130“ ist ein Bußpsalm. Er ist in meiner Erinnerung von einer siebenbürgischen Bestattung nicht wegzudenken. Der Grund dafür liegt womöglich in den Worten „Der Sünde Sold ist der Tod“ aus dem Römerbrief (Kapitel 6, Vers 23). Die Trauerfeier ist sicher auch ein Bewusstmachen dieser Aussage, die verkürzt zwar biblisch korrekt aber nicht der biblische Mittelpunkt von der Liebe Gottes zu den Menschen ist. Wenn jemand einen Menschen verliert, ist aus diesem Grund meine erste und tiefste Intention also nicht, ihn an die Sünden und Buße zu erinnern – seien es seine eigenen oder die des oder der Verstorbenen. Hier sind zuerst andere Verletzungen zu heilen, bevor auch mögliche sündhafte Gründe für diese Verletzungen aufgedeckt werden. Trost ist angesagt. Trotzdem lese ich diesen Psalm hier. Denn er dient auf jeden Fall dem Zweck dieser Aufnahme: Erinnerung und Identifikation; Dokument und Zeugnis über das Verständnis von Tod und Trauer in der Heimat. Es kommt allerdings auf die Betonung und Hervorhebung der Aussagen an.
Danach folgt die musikalische „Predigt“ in Marsch, Choral und Wort. Die ersten Emotionen sind in den Erinnerungen und Anrufungen aufgefangen. Jetzt kann erzählt und verkündigt werden. Das tut diese „Predigt“. Sie erzählt vom Auf und Ab, von guten und schlechten Zeiten, von hellen und dunklen Abschnitten im Leben eines Menschen. Sie sagt auch deutlich, dass unser Leben auf den Tod zugeht. Aber sie endet mit dem Trost, dass immer Begleitung da war, da ist und bleiben wird, selbst dann, wenn keine Spur davon zu erkennen ist.
Der (8) „Trauermarsch Nr. 2 von Kenzel“ fängt zwar in Moll an, damit ein bisschen unruhig, wie halt jede erste Minute des menschlichen Lebens, aber dennoch ist die Musik bedacht, realistisch und durch helle Töne hoffnungsvoll mit guten Chancen für die Zukunft gespickt. Der Marsch endet in der Dur-Tonart! Es kann losgehen – das Leben – und zwar los gehen auf den Tod zu! Das Lied (9) „Ich hat‘ einen Kameraden“ spricht es an. Wer den ganzen Text kennt, wer die – zum Teil auch missbrauchte – Geschichte dieses Liedes kennt, weiß, dass es auf den schmerzlichen und brutalen Verlust von Leben hinzielt. Dazu kommt: jeder Mensch an meiner Seite war ein Kamerad, ein Begleiter, ein Weggefährte durch dick und dünn, durch Höhen und Tiefen. Der oder die Verstorbene selbst hatte ebenso an seiner bzw. ihrer Seite solche Kameraden, Weggefährten etc. Die Musikanten haben dieses Lied darum auch gespielt, wenn ein Mitglied der Zeidner Blaskapelle zu Grabe getragen wurde.
Die Texteinlage (10) „Vergänglichkeit des Lebens“ ist eine kurze Verschnaufpause im Musikhören. Das Ohr und Gemüt ist jetzt auch für einen anderen Klang bereit. Darum spricht dieser Text nüchtern und ausgewogen von der Realität des Lebens und Sterbens. Es wird die Bibel zitiert und die beiden folgenden Märsche werden „erklärt“.
Der (11) „Trauermarsch Nr. 1 von J. Klees“ fängt mit den Sechzehntelnoten als Vorschlag nicht ganz definierbar an. Was ist jetzt los?! Das ist durchaus eine Frage am Sarg. Und die erste Antwort macht traurig: Moll – Tonarten bestimmen den Anfang. Dann aber arbeitet sich der Marsch klassisch durch die Harmonien durch – eben ein klassisches, und gewöhnliches Leben mit harmonischen und enharmoni-schen Passagen.
(12) „Der Kampf mit dem Tode – Trauermarsch nach L. v. Beethoven“ – diese Musik ist im Ablauf der CD an zentraler Stelle. Die Gründe sind: Titel, Einleitung, Schönheit, Themaverarbeitung. Er schließt in seiner Tonart auch nicht nur unauffällig, sondern sogar weiterbringend an den vorherigen Marsch an. Für mich zeichnet dieser Marsch den Wechsel der Harmonien des Lebens in den schönsten und treffendesten Klangfarben auf. Klar bleibt dabei: Das Ende ist der „Kampf mit dem Tode“. Aber es ist ein hell-harmonisches Ende in Dur. Kein Zweifel: Da muss eine besondere Kraft dahinterstecken, eine ständige Begleitung und Fürsorge auch im Tod und über den Tod hinaus.
Die Meditation (13) „Spuren im Sand“ definiert diese Kraft. So schließt der „Predigtteil“ mit der Zusage: „Ich war und bin da!“ Diese Botschaft soll bleiben.
Jetzt muss sie sich bewähren, denn es geht los zum schwersten Gang. Das spüren alle, wenn die (14) „Motette von C. M. v. Weber / Arr. Rudi Klusch“ erklingt. Ab diesem Titel ist der Ablauf der Trauerfeier gut zu erkennen. Es passiert jetzt etwas, woran sich die Menschen ziemlich genau erinnern und dem folgen können: Der Aufruf (15) „Wohlauf, wohlan zum letzten Gang“. Dann ist der Sarg geschlossen und unter Marschmusik – der Titel ist hier sprechend – hinausgetragen worden: (16) „Ende der Wanderschaft – Trauermarsch von J. Klees“. Es ist der Marsch zum Grab als „Ende der Wanderschaft“ auf Erden, aber nicht als Ende der Hoffnung. Denn unter den Klängen des Chorals (17) „Christus ist mein Leben“ ist der Sarg ins Grab gesenkt worden. Dann folgt unter dreimaligem Erdwurf die Bestattungsformel („Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube“) – wiederer-kennbar in der Hinführung zum Zentrum des Auferstehungsglauben. Dieser besagt: Selbst am und im Grab gilt seit Ostern: (18) „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“. Das wird hier gesagt, wo der schwerste Moment des Abschieds und der Erinnerung zu bewältigen ist. Der Choral (19) „Über den Sternen“ führt für mich den Gedanken der Verbindung zwischen Grab und Himmel weiter. Traditionell ist er immer dann gespielt worden, wenn ein Mann verstorben war. Beim Tod einer Frau, soweit sie Kinder hatte, war es das Lied (20) „Wenn du noch eine Mutter hast“. Bezeichnend ist für mich die Tatsache, dass dieses Lied auch am Muttertag gesungen worden ist – dann also, wenn die Mutter lebend und lebendig und als Leben Gebärende und Beschützende gefeiert wird. Jetzt wo sie zu Grabe getragen wird, ist die Erinnerung an die (21) „Mutter“ sicherlich auch ein tiefer Dank für alle Lebensleistung.
Der (22) „Trauermarsch von E. Stolč – Zum ewigen Schlaf“ ruft leicht tosend und schrittmäßig auf, um das Grab zu gehen und Erde hineinzuwerfen. Es ist bedrückend, das zu tun – das hört man in der Musik gleich zu Beginn. Aber der Titel und auch der Endteil des Marsches mit seinen schönen Harmonien und den signalartigen Rufen sprechen die tröstliche Gewissheit aus: Ewiger und ruhiger, ruhender, ruhevoller Schlaf, Auferweckung und Ruf in die Ewigkeit – das ist der Tod!
Die bekannten Liedverse (23) „Befiehl du deine Wege“ sollen als Schlussgebet den Trauernden Trost spenden, Ihnen Mut machen und sie auffordern, weiterzuleben. Und ganz zum Schluss erklingen – wie auch in der Heimat schon – die heimatlichsten Klänge zum Heimgang durch den Choral (24) „Ich bete an die Macht der Liebe“. Musikalisch wie geistlich ist er für viele Menschen eine Bündelung allen Geschehens und Trostes am Grab. Der Choral trägt sehr viel Stimmung mit! Er trägt weiter.
Ich wünsche Ihnen diese Erfahrung des Getragenseins.
Reinhard Göbbel
Inhalt der CD mit Möglichkeit zum anhören und herunterladen.
1. – Glockenläuten aus Zeiden (288 Downloads )2. – Meine Lebenszeit verstreicht (35 Downloads )
3. – Lesung Römerbrief (275 Downloads )
4. – Zur Erinnerung an die Toten in der Ferne-Trauermarsch (314 Downloads )
5. – Erinnern (277 Downloads )
6. – Trauermarsch Nr. 7 (287 Downloads )
7. – Psalm 130 (272 Downloads )
8. – Trauermarsch Nr. 2 (280 Downloads )
9. – Ich hat‘ einen Kameraden (277 Downloads )
10. – Vergänglichkeit des Lebens (274 Downloads )
11. – Trauermarsch Nr. 1 (274 Downloads )
12. – Der Kampf mit dem Tode-Trauermarsch (280 Downloads )
13. – Spuren im Sand (279 Downloads )
14. – Motette (281 Downloads )
15. – Wohlauf, wohlan zum letzten Gang (284 Downloads )
16. – Ende der Wanderschaft-Trauermarsch (315 Downloads )
17. – Christus ist mein Leben (274 Downloads )
18. – Du kannst nicht tiefer fallen (275 Downloads )
19. – Über den Sternen (277 Downloads )
20. – Wenn du noch eine Mutter hast (278 Downloads )
21. – Mutter (278 Downloads )
22. – Zum ewigen Schlaf-Trauermarsch (277 Downloads )
23. – Befiehl du deine Wege (275 Downloads )
24. – Ich bete an die Macht der Liebe (285 Downloads )

